Laura: «Ich werde nicht diskriminiert!»

Laura ist jung, selbstbewusst, geerdet, gesund, arbeitstätig, fröhlich und noch vieles mehr. Am 14. Juni nahm sie mit ihren Kolleginnen am Frauenstreik teil. Nicht weil sie ein grosses Bedürfnis hatte, sondern weil sie es cool fand, einmal mit so vielen Frauen durch die Gassen zu ziehen, zu lärmen und den Männern den Kampf anzusagen. Und obendrein war wunderschönes Wetter – Grund genug, etwas rauszugehen. Ihren Chef musste sie nicht informieren. Sie ging einfach nach Ende der Blockzeit um 16 Uhr.

Erst im Pulk der Frauen merkte Laura, dass es da solche gab, die die Aktion extrem ernst nahmen. Sie realisierte plötzlich, dass es sich nicht um eine weibliche Street Parade ohne Musik handelte. Ihr Dabeisein war ein politisches Statement. Da sie mit der Überzeugung «Ich werde nicht diskriminiert!» an den Streik gegangen war, nagten plötzlich Zweifel an ihrem Selbstbewusstsein.


 

Wie viel verdient mein Bürokollege?
Wusste sie eigentlich, wie viel Reto, ihr Bürokollege (drei Jahre jünger, tieferer Ausbildungsstand, weniger lang in der Firma), verdiente? Was, wenn der den gleichen Lohn erhielt, obwohl er weniger Verantwortung zu tragen hatte und nur die einfachen Fälle bearbeiten durfte? Das wäre recht gemein. Und wie war das damals, als sie nach der Lehre ein Vorstellungsgespräch hatte? Die Fragen nach «Mutter werden» und «Kinder haben» wurden damals zwar nicht offen gestellt – aber so niederschwellig wollte man da schon Auskunft. Zum Glück hat sich das beim aktuellen Arbeitgeber nicht wiederholt.

 

Was tut mein Partner im Haushalt?
Und sowieso. Sie wohnt nun seit drei Jahren glücklich mit Georg – sie nennt in Gögi – zusammen. Familienplanung ist nur ein Randthema, wie viele andere Themen, wie Versicherung, Konkubinatsvertrag, Pensionskasse, Säule 3a etc. auch. Ein anderer Gedanke schiesst Laura aber durch den Kopf: Was macht Gögi eigentlich im Haushalt ausser den Kübelsack in den Container schmeissen und ab und zu einkaufen – vor allem Bier und Snacks, bevor seine Freunde zum Zocken kommen? Sie macht die Wäsche, putzt und kocht. Gut, Letzteres ist eine Leidenschaft von ihr und bei Gögi ist Kochen eher etwas, das Leiden schafft. Laura grinste.

Am Frauenstreik saugte sie Informationen auf, wie ein Schwamm. Von einer älteren Frau liess sie sich über die Geschichte der Frauenbewegung informieren. Von Gewerkschafterinnen erfuhr sie mehr über das Thema «gleicher Lohn für gleiche Arbeit». Ein Stand befasste sich mit Sexismus am Arbeitsplatz, ein anderer mit «Ausbeutung in den eigenen vier Wänden».

Laura wollte mehr wissen. Sie wollte all die Aussagen des Streiktags in Bezug auf ihre eigene Person überprüfen.

 

Was geschieht in meiner Firma?
Der HR-Verantwortliche sagte ihr klipp und klar, dass er, als er vor vier Jahren hier begonnen habe, zuerst einmal bei den Löhnen aufgeräumt habe. Einige «Herren» seien deswegen noch sauer auf ihn. Weil die Lohnsumme nicht einfach angehoben werden konnte, mussten einige tatsächlich Lohnkürzungen hinnehmen. Laura kann also davon ausgehen, dass Reto tatsächlich einen tieferen Lohn hat als sie.

Vor zwei Jahren habe er durchgesetzt, dass die Pensionskasse gewechselt werde. Die BVK verlange von der Firma zwar hohe Beiträge, was aber den Arbeitnehmenden zugutekomme. Dabei müssten die im Vergleich nicht tiefer in die Tasche greifen als zuvor, da die Aufteilung der Beiträge 60 Prozent Arbeitgeber und 40 Prozent Arbeitnehmer ist.

Schön sei auch, dass der Koordinationsabzug nicht einfach stur getätigt werde, sondern dem Beschäftigungsgrad angepasst wird. «An der letzten Infoveranstaltung sagte man, dass von dieser Regelung alleine bei der BVK 54 000 Teilzeitangestellte, davon seien 78 Prozent Frauen, profitieren.»

Noch sei er am Kämpfen, dass die Eintrittsschwelle für die Pensionskasse von 21 330 auf 14 220 Franken gesenkt werde. «Das bietet die BVK nämlich an.» Damit würde nochmals acht Mitarbeiterinnen im Betrieb geholfen und der Preis sei gar nicht so hoch. Laura ist beruhigt. Zumindest am Arbeitsplatz stimmt die Richtung und sie wird nicht diskriminiert.

 

Hat Lauras Partner eine Chance?
Anders die Situation mit Gögi. Der wird sich wohl ein paar unangenehmen Diskussionen mit seiner Freundin stellen müssen. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

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