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Luxusmarken leben von Leidenden

Gegen die global führenden Luxusmarken, die französische Louis Vuitton Moët Hennessy (LVMH) und die Schweizer Compagnie Financière Richemont SA (Richemont), wurden schwere Vorwürfe erhoben. In norditalienischen Werkstätten, die für die Marken produzieren, wurden Fälle von Arbeiterausbeutung aufgedeckt. 

«Man gönnt sich ja sonst nichts» ist ein viel gehörter Satz für eine Anschaffung, die vielleicht etwas zu teuer ist, aber … Gerade weil man sich etwas gönnen möchte, werden nebst dem Preis vielleicht auch weitere Faktoren ausser Acht gelassen. Etwa ökologische Aspekte oder die Frage nach der Herkunft. Wer aber bewusst einkauft, wird stolz darauf verweisen, dass ein Produkt eben nicht aus dem Fernen Osten kommt. Wer hat schon etwas gegen ein Designerkleidungsstück «made in Italy» einzuwenden? Und genau da ist der Haken.

«Made in Italy» mit fahlem Nachgeschmack
Im Juni 2024 stellte ein Mailänder Gericht die LVMH-Tochter Manufactures Dior Srl (Dior) unter gerichtliche Aufsicht. Im Sommer 2025 folgte Loro Piana, ebenfalls mehrheitlich im Besitz von LVMH. In beiden Fällen hatten offizielle Ermittlungen gravierende Missstände bei den Sublieferanten der Unternehmen festgestellt, darunter fehlende Arbeitsverträge und überlange Arbeitszeiten. Obwohl beide Verfahren ohne strafrechtliche Verurteilung eingestellt wurden, kritisierte das Gericht doch die unzureichende Überwachung der Lieferanten durch LVMH deutlich. Die Kontrollen beschränkten sich nur auf die direkten Lieferanten. Die eigentlichen Verletzungen erfolgten jedoch in den tieferen Ebenen der Lieferkette.

Fast zeitgleich wurde im September 2024 bekannt, dass auch bei einem norditalienischen Subunternehmer von Montblanc ausbeuterische Arbeitsbedingungen herrschten. Montblanc gehört zu Richemont, dem nach LVMH die Nummer zwei im globalen Luxusmarken-Ranking.

In allen drei Fällen kam es zu einer systematischen Verletzung der grundlegenden Arbeitsrechte und damit der Normativen Basis. Die BVK ist über den SVVK-ASIR und weitere Partner im aktiven Dialog mit LVMH und Richemont. Es ist das Ziel, dass die Unternehmen die Ursachen dieser Missstände identifizieren, gezielte Massnahmen ableiten und so konkrete Verbesserungen erzielen.

Verändertes Konsumverhalten
Eine Ursache ist im radikal veränderten Konsumverhalten zu suchen. Heute erwarten Kundinnen und Kunden eine schnelle Reaktion auf Trends, sofortige Verfügbarkeit und eine stetig wachsende Auswahl. Dieser Druck wird auch an die Lieferanten weitergegeben. Um die kurzfristig schwankende Nachfrage decken zu können, greifen diese auf ein Netzwerk aus kleinen Werkstätten und Subunternehmern zurück, die ihrerseits wiederum weitere Betriebe beauftragen. So entstehen hochgradig verschachtelte Lieferketten, in denen Kontrolle und Transparenz schnell verloren gehen.

Hinzu kommt, dass die Beschäftigten in den betroffenen Werkstätten oftmals aus Ländern wie Pakistan, China oder Bangladesch stammen. Dies macht sie aufgrund ihres unsicheren Aufenthaltsstatus und ihrer mangelnden Kenntnisse über ihre Arbeitnehmerrechte besonders verletzlich und bindet sie an ihre Arbeitgeber. Diese Abhängigkeit begünstigt Ausbeutung: lange Arbeitszeiten, unfaire Löhne, unzureichende Sicherheits–, und Arbeitsstandards sowie informelle Beschäftigung, also fehlende Arbeitsverträge.

Unübersichtliche Firmenstruktur
Die zweite Ursache liegt in der Organisationsstruktur der Unternehmen selbst. Sowohl LVMH als auch Richemont bestehen aus zahlreichen eigenständigen Marken – sogenannten «Maisons»–, die weitgehend autonom agieren. Sie haben eigene Lieferanten, eigene Produktionsstrategien und eigene Überwachungssysteme. Diese Fragmentierung führt zu einer schwachen zentralen Kontrolle und uneinheitlichen Standards. Der Reifegrad der jeweiligen Marken in Bezug auf die soziale Verantwortung ist sehr unterschiedlich. Dennoch sind die Unternehmen verpflichtet, die Einhaltung der Arbeitsrechte entlang der gesamten Lieferkette sicherzustellen.

Der Fall Dior hat deutlich gezeigt, dass zentrale Vorgaben zwar existierten, aber nicht ausreichten, um Missstände in tieferen Lieferkettenebenen zu erkennen. Auch bei Richemont zeigte sich, dass einzelne Marken bereits seit Längerem mit Missständen konfrontiert waren, ohne dass dies in der Zentrale erkannt wurde. Die Folge: Die Risiken blieben so lange unsichtbar, bis sie untragbar wurden.

Der Dialog zeigt Wirkung
LVMH reagierte mit internen Reformen: Das Unternehmen schuf eine zentrale Funktion zur Überwachung der Lieferketten, überarbeitete die Kontrollmethoden und verstärkte die Prüfteams. Zudem wurden die Vorgaben für die Lieferanten in Bezug auf Menschen- und Arbeitsrechte verschärft. Auch Richemont überprüfte interne Prozesse und reevaluierte seine Lieferketten. Die Effektivität dieser Massnahmen zum Schutz der Arbeiterinnen und Arbeiter ist noch unklar. Beide Unternehmen sind zurückhaltend, was die Kommunikation ihres Risikomanagements in der Lieferkette betrifft. Abhilfe könnte hier der regulatorische Druck schaffen, etwa durch das geplante EU-Lieferkettengesetz.

Ein Blick nach vorn
Die Fälle machen deutlich, dass in den Lieferketten norditalienischer Luxusmode Handlungsbedarf besteht. Immerhin übernehmen die Unternehmen schrittweise Verantwortung: So stimmte Dior zu, rund zwei Millionen Euro für die Unterstützung der Opfer von Arbeitsausbeutung bereitzustellen.

Für die BVK ist klar: Der Dialog muss weitergeführt werden. Wir wollen, dass die Unternehmen ihre Verantwortung wahrnehmen und Menschen- und Arbeitsrechte respektieren. Nur so kann der Wert der Produkte auch die Wertschätzung für die Menschen widerspiegeln, die diese hochwertigen Produkte fertigen. Und so soll man in Zukunft hoffentlich mit gutem Gewissen ein Designerkleidungsstück kaufen können – man gönnt sich ja sonst nichts.
 

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24.09.2026

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